Wiener "Kaffehausg'schichten"

Bild Kaffeehausgschichten
im Spiegel der Fürther Nachrichten vom 28. Januar 2003

(von: Claudia Schuller)

Ach, das Kaffeehaus - der perfekte Ort für Menschen, die die Zeit totschlagen müssen, die Rettungsstation für Zerrissene auf der Flucht. Wo sonst bekäme man das wahre Leben zu sehen, gäbe es jene erweiterten Wohnzimmer nicht? Ein Österreicher wie Tom Haydn kann sich ein Leben ohne Kaffeehäuser gar nicht vorstellen. Darum hat der Chansonnier ihnen gleich ein ganzes Programm gewidmet. Die berühmtesten Bewohner jener eigenartigen Biosphäre dürfen da nicht fehlen: Egon Friedell, Karl Kraus, Alfred Polgar, Ernst Kein, Peter Altenberg.

Liebevoll hat Haydn kleine Texte und Songs zu einer cremig melangierten Milieustudie zusammengestellt. Es entstehen Porträts von Menschen, die um 1900 Zeit hatten, im Kaffeehaus über das nachzudenken, was die anderen draußen nicht erlebten. Im völlig ausverkauften Nachtschwärmer-Foyer des Stadttheaters war viel Aufschlussreiches über Friedells Eigenart, andere unter seinem Namen schreiben zu lassen, zu erfahren. Ebenso gab es Unterricht in Sachen perfekter Bedienung, denn den Kellnern kam eine eminent wichtige Rolle als Liebesvermittler, Streitschlichter und Tröster zu. Sie waren Fundbüro, Arbeitsvermittlung, Sekretär und Bote in einer Person. Wenn aber alles nicht mehr half, gab es immer noch die Heil- und Pflegeanstalt, in der einige Kaffeehausliteraten landeten. Mit so viel Charme und Schmäh vorgetragen, stellte sich rasch das Gefühl ein, als wäre die ganze Donaumetropole eine große, offene Bühne und die Bewohner allesamt Statisten, die sich selbst spielen. Nur die Frage, wer sie engagiert hat, blieb offen.

Ach, was sind das doch für Zeiten, in denen sich Fastfood-artige Kaffeeketten verbreiten, in denen man für ein Getränk fünf Minuten hat? Wo bleibt da das Herz? Zum Glück gibt es Haydns melancholische Songs und seine warme Singstimme. Wenn er sich im Kaffeehaus von der Liebsten trennt und nachsinnt, wie der Nachmittag am angenehmsten vergeht, fühlt sich das Publikum so richtig verstanden. Herr Ober, noch mal dasselbe bitte!