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Bitterböse Wahrheiten
charmant serviert In der Tradition von Kreisler, Heller und Danzer: Tom Haydn er öffnet mit österreichischen „Pikanterien“ Kabarettissimo – Programm im Mußbacher Herrenhof
Wer sich in das Genre des österreichischen Chanson-Kabaretts begibt,wird bewusst oder unbewusst an großen Namen wie Georg Kreisler, André Heller, Georg Danzer, Ludwig Hirsch und Wolfgang Ambros gemessen. Tom Haydn, der am Samstag mit seinem Programm „Pikanterien“ im Mußbacher Herrenhof das Kabarettissimo-Programm des zweiten Halbjahres eröffnete, kann neben diesen Größen der so ganz eigenen Kabarett-Gattung des Alpenlandes bestens bestehen. Und er scheint keine Scheu vor großen Namen zu haben. So war eine der erste Nummern das wunderbare „Geh’n wir Tauben vergiften im Park“ des unvergessenen Georg Kreisler. Auch wenn der 42-Jährige schon seit rund 18 Jahren in Franken lebt, so ist er doch zumindest auf der Bühne ein Österreicher geblieben. Und so ist sein Auftritt geprägt von dieser speziellen österreichischen Melange aus Schwermut, Hang zum Morbiden, Ironie und bitterbösem Zynismus, gepaart mit unwiderstehlichen charme. Mit dieser Mischung befasst sich Haydn beispielsweise mit dem Älterwerden: im Klagelied eines Vierzigers, der langsam das ein oder andere Wehwehchen bekommt oder in dem wunderbar bitterbösen Lied „Wenn die Männer alt sind“. Haydn hatte dem weiblichen Teil des Publikums empfohlen, bei diesem Lied wegzuhören, doch das hätte er besser seinen Geschlechtsgenossen geraten, denn die bekamen unverblümt den Spiegel vorgehalten. Böse war aber deshalb keiner, denn im weichen österreichischen Dialekt, gepaart mit einer kräftigen Portion Charme, wirken auch bittere Wahrheiten und härtester Zynismus nicht wirklich böse. Das gilt auch, wenn sich Haydn zynisch und kritisch mit wirtschaftlichen Entwicklungen beschäftigt. Etwa wenn er sich überlegt, dass es doch betriebswirtschaftlich nicht besonders sinnvoll sei, dass in langen Jahren „dressierte Sklaven“ entlassen werden, nur weil sie mal aus Versehen 1,90 Euro Pfandgeld nicht abgerechnet haben. Zwar stammt Haydn aus Niederösterreich, doch die besonders für Wiener so typische Melancholie ist ihm nicht fremd. Er hat der Depression sogar ein eigenes Lied gewidmet. Nachdenklich-melancholische Lieder, meist gepaart mit einer Portion Ironie, gehören ebenso zu den „PikanterienPikanterien“ wie eine wunderbar ironisch-amüsante Schilderung des Lebens in einem kleinen Dorf in Niederösterreich. Dabei erfährt man beispielsweise, warum Frauen in Kittelschürzen aus Perlon oft auch Gummistiefel tragen. Ebenso herrlich ist das Lied über „Rindfleisch mit Semmelkren“: Seine Schilderung, wie er jahrelang erst als Messdiener und dann als Gast, der sich bei Beerdigungen unter die Trauernden mischt, kostenlos zu seinem Leibgericht kam, ist einfach nur köstlich. Haydn setzt die Klischees über Niederösterreicher und Wiener geschickt ein, doch immer verbunden mit einer leichten Distanz. Auch der unwiderstehliche Charme ist eines dieser Klischees, die er gekonnt nutzt, etwa wenn er im Lied „Affäre“ Damen im Publikum mit den Worten „Lass‘ uns ganz einfach eine Affäre haben“ anschmachtet. Auch mit der Ehe befasst sich Tom Haydn, und da muss er, der den ganzen Abend andere gekonnt zum Lachen bringt, dann selbst lachen: als Haydn die Ehe als etwas beschreibt, das man „am Anfang nicht so überblickt“ und ein Zuschauer laut und vernehmlich ruft: „Genau!“ Manchmal ist Haydn auch durchaus makaber, etwa wenn er die Träume eines bekennenden Fleischessers schildert, der mit einer militanten Ökoaktivistin liiert ist. Doch den Grat zum Geschmacklosen überschreitet er nie, sondern er bleibt immer amüsant. Auch da hilft der berühmte österreichische Schmäh. Dank dessen ist sogar eine ganz eigene Interpretation des durch die Berlinerin Hildegard Knef bekannt gewordenen Chansons „Für mich soll’s rote Rosen regnen“, äußerst gelungen. Tom Haydn singt, erzählt, plaudert und spielt gelegentlich Gitarre. Ansonsten überlässt er die Musik seinem „wunderbaren Orchester“, das aus Norbert Nagel, der Saxophon und Klarinette spielt, und dem Pianisten Michael Flügel besteht. Und die machten ihrem Beinamen wirklich alle Ehre.
31.08.2009 - ANNEGRET RIES - DIE RHEINPFALZ — NR. 201
Protest gegen die Diktatur des Verstands
Tom Haydn bewies beim Festival der Hoffnung, dass die Zeit des guten alten Chansons noch lange nicht vorbei ist. Der Kopf ist wichtiger als das Herz: Je länger sich die Erdkugel dreht, umso intensiver scheint dies den Menschen eingetrichtert zu werden. Am Samstag wurde indes im Unterensinger Udeon offenbar, dass das Gegenteil stimmt: Man sieht nicht nur mit dem Herzen gut, sondern man hört, man schreibt und man singt auch nur mit dem Herzen gut. Tom Haydn und seine Band bewiesen das im Rahmen des Festivals der Hoffnung derart eindrucksvoll, dass wohl kaum einer im Publikum noch einen Zweifel daran hegen dürfte. Diese Begegnung mit den echten, aber oft verdrängten Realitäten hatte die Unterensinger Firma Zinco möglich gemacht, dank deren Unterstützung einer der besten Chansonniers in deutschsprachigen Landen auch die Herzen des Publikums zwischen Alb und Fildern erobern konnte. Die im Udeon dabei waren, werden den weiteren Weg dieses Künstlers sicher mit viel Aufmerksamkeit und Sympathie verfolgen: Tom Haydn zählt ganz gewiss zu der mittlerweile durchaus respektablen Zahl von Künstlern, bei denen nach ihrem Gastspiel bei Licht der Hoffnung völlig klar ist, dass das Ende der Karriereleiter für sie noch nicht gekommen ist, sondern durchaus noch einige Stufen auf sie warten. Tom Haydn brachte das Kunst-Stück fertig, die Lieder seines berühmten Landsmanns André Heller zu interpretieren, ohne sie zu kopieren, nahe am Original zu bleiben und dennoch eigene musikalische Wege zu gehen, den Kern der Texte und Melodien freizulegen und dennoch eigene Akzente zu setzen.
Diese Wanderung auf überaus schmalem Grat meisterte der Exil-Österreicher (er hat 1991 vom Mostviertel nach Fürth ins Frankenland rübergemacht) derart brillant, dass selbst eingefleischte Hellerianer, die die Chansons vom Samstag noch vom König der Phantasie höchstselbst gesungen gehört, intus und kaum eine Zeile dieser hochliterarischen Texte vergessen haben, sich absolut nicht einig waren. Genau wie der Heller, sagten die einen. Ganz anders, meinten die anderen.Und wenn man ehrlich ist, kann man nicht einmal sagen, wer denn nun recht hat. Gerade dies drückt aber das Niveau des Konzerts vom Samstag aus. Was anderes könnte symbolisieren, dass Tom Haydn nah genug am Original, aber zugleich auch weit genug entfernt war und ist. Vielleicht ist gerade das das Schwierigste und zugleich Entscheidende an solch einem Programm. Denn dann wird diese unentschiedene Frage völlig unwichtig, dann nämlich kann sich der Blick weg vom Übervater dieser Lieder hin zum Interpreten weiten, dann spürt man Tom Haydns Herzblut fließen, statt ihn als Abklatsch, ja bestenfalls als Reinkarnation des großen Meisters auf der Bühne agieren zu sehen. Haydn singt Heller. Aber Haydn ist nicht Heller. Gott sei Dank. Ihm zur Seite standen auch hochkarätige Musiker, die weit mehr waren als pure Ton-Zulieferer: Jean-Paul Höchstädter verlieh allen Melodien (seien sie nun melancholisch oder furios) stets den optimalen Drive, Richard Kleinmaier (Künstlername Ricardo Pavone) riss mit seiner Gitarre das Publikum immer wieder mit und war bei Wean, du bist a Taschenfeitel eine regelrecht geniale Helmut-Qualtinger-Nachahmung, Joe Barnikel erwies sich als hochkarätiger Pianist, der im Swing und im Jazz ebenso zu Hause ist wie in der Klassik (bei den Variationen zum Radetzky-Marsch etwa), Jessica Hartlieb erspielte sich mit der Geige ihre ganz eigene Verehrer-Schar, die nur auf ihr nächstes Solo (wie beim Csardas von Monti) wartete, und Norbert Nagel entpuppte sich mit seinem Saxophon und seiner Klarinette als guter Geist im Hintergrund, der nie dominiert, aber ohne den im Grunde die ganze Show nicht läuft. Mitten ins Herz trafen nicht zuletzt seine Klezmer-Variationen, jede für sich nicht nur ein Gustostückerl, sondern ein wahres Meisterstück.
Aber nun sei es genug mit den Details. Ein jeder hatte ohnehin sein ganz persönliches Lieblingsstück an diesem Abend, je nachdem, ob die Stelle nun im Moment himmelhoch jauchzte oder zu Tode betrübt war. Alle Emotionen wurden angesprochen. Haydn singt Heller ist daher kein Solo-Programm, sondern ein Gesamtkunstwerk aller auf der Bühne, im Grunde ein einziger Protest gegen die Diktatur des Verstands. Am Samstag spürte man im Udeon, worauf es wirklich ankommt im Leben. Ganz gleich, ob es einem gerade geschenkt ist oder man es im Moment entbehren muss. Der Kopf mag zwar wichtig sein. Aber das Herz entscheidet darüber, was und wie das Leben ist.
26.11.2007 - Jürgen Gerrmann - Nürtinger Zeitung
Stuttgart liebt Haydn
Chansonnier holte Publikumspreis bei Wettbewerb
Ein kleiner Schritt für die Menschheit, ein großer für Tom Haydn: Der Chansonnier mit starker Anhänglichkeit ans Stadttheater belegte beim Stuttgarter Chanson- und Liedwettbewerb vor 500 Zuhörern im Saal des Meridien-Hotels am Samstagabend den zweiten Platz.
Der aus St. Pölten in Österreich stammende und seit 1991 in Nürnberg lebende Entertainer musste sich lediglich dem Berliner Kollegen kw. Timm geschlagen geben, "wenn auch nur denkbar knapp", so die Jury-Vorsitzende - und die heißt Katja Ebstein. Immerhin erhielt Haydn aber den Publikumspreis.
Bei dem zum dritten Mal ausgetragenen Wettbewerb hatten sich 100 Musiker, die den ganz großen Karrieresprung noch vor sich haben, Hoffnungen gemacht. Ins Halbfinale kamen 16, fünf konkurrierten am Samstag in je 15 Minuten kurzen Auftritten um die Siegertrophäe des bronzenen Troubadour. Liedermacher Stephan Sulke ("Uschi, mach' kein Quatsch") hatte den Wettbewerb 2005 ins Leben gerufen.
Haydn zur Seite gingen in Stuttgart Saxofonist und Klarinettist Norbert Nagel und der Fürther Jazzpianist und Kulturförderpreisträger Michael Flügel. Übermorgen hat ihn die künstlerische Heimat wieder: Mit seinem Programm "Haydns kleine Nachtmusik" eröffnet der Chansonnier am Wochenende den Reigen der "Nachtschwärmer"-Saison im Stadttheater. Während der Abend am Freitag bereits restlos ausverkauft ist, gibt es für den Samstag noch Restkarten (15 Euro, Tel. 9 74 24 00), Beginn ist um 22 Uhr.
Gemeinsam mit Nagel und Andreas Blüml (Klavier) begibt er sich in den musikalischen und literarischen Salon. Als Gast begrüßt Tom Haydn Sängerin, Schauspielerin und Choreografin Jutta Czurda, die derzeit ihr Tanzprojekt "Mayim Mayim" mit Beteiligung internationaler Choreografen vorbereitet; die Uraufführung der Produktion ist am 29. November im Stadttheater.
24.10.2007 - Matthias Boll (c) - FÜRTHER NACHRICHTEN
Wiener Schmäh wurde pikant serviert
Tom Haydn und Jo Barnikel gaben Gastspiel im Pommersfeldener Kellerhaus
POMMERSFELDEN - Das Geheimnis eines großen Künstlers ist, dass er sich immer wieder neu erfindet. Wie der österreichische Chansonnier Tom Haydn, der mit seinem Klavierpartner Jo Barnikel im Kellerhaus zu Pommersfelden das Programm «Pikanterien» kredenzte: eine ausgewogene Mischung aus Kabarett und Lied, sarkastischem Schmäh und stiller Nachdenklichkeit.
Haydn ist mit seinen «Pikanterien» schon eine Weile unterwegs. Und doch gleicht kein Konzert dem anderen, hat sich bisher nicht jene gefährliche Routine eingeschlichen, der die Langeweile auf dem Fuß folgt. Tom Haydns Auftritte leben von der starken Bühnenpräsenz des Sängers ebenso, wie vom subtilen Umgang mit eigenem und fremden Songmaterial.
Seinem fränkischen Publikum erklärt er die todessehnsüchtige Wiener Seele ebenso, wie er möglicherweise unverständliche Ausdrücke mit einem lockeren Grinsen übersetzt. Dass er dabei augenzwinkernd das Klischee bedient, mit Lust ein paar jener Vorurteile nährt, die hier zu Lande gegenüber seinen Landsleuten gehegt und gepflegt werden, gehört zum Konzept.
Was auch für Jo Barnikels dichte, klassisch kammermusikalische Arrangements gilt. Hier zahnen Klavier, Gitarre und Stimme nahtlos ineinander. Der Pianist legt für den Sänger nicht nur einen tragfähigen Melodie- und Rhythmusteppich aus, sondern ist auch für den Harmonie- und Backgroundgesang zuständig. Nicht immer aus primär musikalischen Gründen, denn manches dient auch der bewussten Ironisierung, der satirischen Zuspitzung, der geschickten Einleitung einer effektvollen Pointe.
Lakonisch, fast im Vorübergehen holt Haydn Chanson-Ikonen wie Kreislers «Tauben vergiften im Park» ins Hier und Heute, ohne sie gegen den Strich zu bürsten. Selbstgeschriebenes wie die Hymne auf das «Rindfleisch mit Semmelkren», für das der Protagonist sich regelmäßig in Beerdigungsfeiern einschleicht, hat denselben morbiden Charme, wie die historischen Vorlagen.
Absurde Bilder
Manchmal, wie in der «Ballade von der Metzgerin», werden die Bilder absurd, steigern sich Haydns ansonsten eher sanft überzeichnete Impressionen des Lebens zur überdrehten Groteske. Aber selbst die hat Stil und Eleganz, denn Haydn und Barnikel wahren stets einen bequemen Sicherheitsabstand zu den Gefilden des platten Schenkelklopf-Humors.
Die «Pikanterien» machen lachen, weil das Spiegelbild in Haydns Zerrspiegel klar genug bleibt, um als das eigene (oder eines, das dem eigenen sehr ähnlich ist) erkannt zu werden. Zudem bleibt genug «Luft» für Momente der Ernsthaftigkeit, für bittersüß traurige André-Heller-Adaptionen und kluge Reflexionen über das Leben, die Liebe, das Alter und - als wiederkehrendes Motiv - den Tod. Für den Wiener Tom Haydn ein altbekannter Gevatter, der seine Schrecken längst verloren hat. Und den er mit einem Lächeln auf den Lippen höflich grüßt - auf dass er jemand anderen holen möge . . .
16.01.2007 - HANS VON DRAMINSKI (Text und Foto) - Nordbayerische Nachrichten
Rettungsring fürs Wienerlied…
Und zwei unterhaltsame Stunden vergehen im Nu, weil Haydn Heller erst gar nicht zu kopieren versucht, sondern dessen Liedern mit seiner Allstar-Band eher eine neue rhythmische Ausrichtung gibt…Im weißen Anzug mit dem breiten Kragen ist dieser Haydn ein echter Striezel, die Wiener Melange aus Diskoprinz, Diplomat und Schiffschaukelbremser…Und wenn Haydn am Ende die alte Dylan-Hymne "Für immer jung" anstimmt, singen alle mit.
25.08.2005 - Klaus Ackermann - Offenbach Post
Morbide Schwermut, nostalgischer Weltschmerz und tiefsinniger Nonsens, so sagt es das Programm, werden mit grandioser Musik transportiert. Und Haydn bringt's rüber, ohne auf dem Schmalz auszugleiten. So sind sie die Wiener, egal, wo sie jetzt leben. Sie halten die Balance und vergessen dabei auch nicht, sich selber ein bisserl auf den Arm zu nehmen. ebe - Morbide Schwermut, nostalgischer Weltschmerz und tiefsinniger Nonsens, so sagt es das Programm, werden mit grandioser Musik transportiert. Und Haydn bringt's rüber, ohne auf dem Schmalz auszugleiten. So sind sie die Wiener, egal, wo sie jetzt leben. Sie halten die Balance und vergessen dabei auch nicht, sich selber ein bisserl auf den Arm zu nehmen.
30.07.2005 - ebe - Aalener Nachrichten
André Hellers Chansons aus den Siebzigerjahren haben nichts an ihrer poetischen Kraft, ihrem hintergründigen Charme und ihrer musikalischen Potenz eingebüßt. In Tom Haydn haben sie einen Interpreten gefunden, der als nach Nürnberg ausgewanderter Wiener den Geist dieser Lieder intus hat bis in die sich breitenden Fingerspitzen hinein. Der um den Weltschmerz weiß und dem der berühmte Schmäh so leicht und locker über die Lippen geht wie das zärtlichste Liebeslied.
29.07.2005 - Wolfgang Nussbaumer - Schwäbische Post
Pralle Liederlust statt Liebesleid
Tom Haydn sang Heller in Fürth
Ach Gott, André Heller. Was hat Österreichs Großspektakelpoet eigentlich noch nicht gemacht? Ältere Fans erinnern sich: Ja, gesungen hat er auch, meist über Liebesleid und eine widerwärtige Lieblingsstadt namens Wien. Na, ist schon ein paar Jährchen her.
Tom Haydn, Landsmann mit Wohnsitz Nürnberg, musste früher oder später durch den verwilderten Vorgarten der frühen Heller-Lyrik spazieren; das war absehbar. Nicht absehbar aber war, dass Haydn die mitunter drei Jahrzehnte alte Brache in ein prall blühendes Biotop verwandelt. Nicht erst am Ende, nach knapp zwei Dutzend Liebesliedern, tobt das fast ausverkaufte Fürther Stadttheater vor Begeisterung.
Klassiker wie "Es war nur Liebelei" oder "Morgenregen" sind hier nicht mehr wiederzuerkennen - spritzig, perlend, nassforsch entstaubt kommen sie daher....
Hinzu kommt eine Band, die Begleitband zu nennen ein sträfliches Missverständnis wäre. Jo Barnikel (Klavier), Norbert Nagel (Saxofon, Klarinette und Flöte), Gitarrist Richard Kleinmaier, Drummer Thomas Simmerl und die entfesselt virtuose Geigerin Jessica Hartlieb tragen Haydn auf Händen über die Ziellinie.
Barnikel und Nagel haben ein dichtes, transparentes, temperamentvolles Klanggefüge geschaffen, das dringend auf CD gebannt gehört. Kein Siebziger-Jahre-Schmock, nirgends; stattdessen Anleihen bei Rhythm'n'Bass, HipHop-Zitate, Jazz-Offenbarungen. Mit dieser Crew, die auch an Wienerlied-Persiflagen wie "Wean du bist a Toschnfeitl" einen Riesenspaß hat, kann Haydn nur gewinnen. Hut ab.
01.01.2005 - MATTHIAS BOLL - Nürnberger Nachrichten
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