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Tom Haydn Schmuckbild Pressesplitter
Das Leben ist ein Untergang

Tom Haydn überraschte mit seinem grenzenlosen poetischen Pessimismus. Ob er es wohl gerne hört? Tom Haydn, der Liedermacher und Chansonnier aus St. Pölten, 44 Jahre alt, ist ein romantischer Pessimist. Wer ihn etzt beim Kabarettherbst im Kurtheater erlebt hat, war zunächst etwas irritiert. Denn Tom Haydn entspricht so gar nicht dem Bild, das man heutzutage von einem Kabarettisten erwartet. Er ist überhaupt kein Comedian, kein oberflächlicher Pointenschleuderer, kein Gag-Lieferant, kein Klischeewälzer. Er gehört zu der eigentlich aussterbenden Gattung der Kabarettisten die sich als Liedermacher verstehen, die Leises, Geistreiches verbreiten wollen, die ihr Publikum auch zum Lachen bringen wollen, aber vor allem zum Nachdenken - über sich selbst. "Schmähschmelze" hat der Österreicher und Wahl-Nürnberger sein neues Programm überschrieben. Er hätte es nicht treffender nennen können, denn e länger man sich diesen Titel vorsagt, desto plausibler wird er über das reine Wortspiel hinaus. Denn der "Weana Schmäh" ("Wiener Lästereien") verliert bei ihm seine klischeehaften Verkrustungen, seine Agressivität. Er wird weich, er schmilzt tatsächlich. Und er tut das so dezent, dass er nichts blindwütig mit sich mitreißt. Denn dazu ist er zu defensiv, zu behutsam. Zum einen, weil er als Pessimist ohnehin die Dinge eher auf sich zukommen lässt und sich sein Optimismus in bester Wiener - oder St. Pöltener Art - nur darauf beschränkt, dass ihm niemand seinen Pessimismus nehmen wird. Und zum anderen, weil er sehr viel von sich selber singt, von seiner Sicht auf die Welt und die Liebe und die Frauen: "Wozu die Hast, wenn man des End vo vornherein scho kennt?" singt er und beruhigt sich damit selbst. Und tatsächlich: Nach eder ersten Zeile eines Liedes weiß man schon, trotz aller emotionalen Höhenflüge, wie es ausgeht: "Man muss in der Früh nur den richtigen Koffer erwischen." Das große Problem ist das "nur". Auch wenn Tom Haydn zu Beginn von seinem Euro singt, der in Portugal, Griechenland oder Italien Urlaub macht, hält er die Politik weitgehend raus. Nur selten kommt er in die Nähe, wenn er etwa von Enttäuschungen singt, die ihm die Unglaubwürdigkeiten der Politik bereitet haben, oder wenn er auf Falcos Spuren wandelt bei dem Rap "No, wos kanna, da Obma?" (und antwortet: "Des waas kaana"). Dann scheint es ihm nicht um die diplomatischen Leistungen des amerikanischen Präsidenten zu gehen, sondern um die Möglichkeiten der Sprachrhythmisierung. Wie Haydn überhaupt ein Liedermacher und Sänger ist, der gerne mit der Sprache spielt, ihre Möglichkeiten ausreizt, ganz bewusst artikuliert, die Vokale modelliert, wobei ihm die Mundart seiner niederösterreichischen Heimat natürlich enorm entgegen kommt. Und Tom Haydn hat wunderbare Bilder, wenn er von der Jugend als "zwischen den Zeiten" singt, in der es "mal Ebbe, mal Flut, nie Mittelmaß gab". Oder wenn in "es herbstlt" "da Summa sich schleicht und da Woid macht a Modenschau." Es sind die vielen Zwischentöne, weniger in der Moderation als in den gesungenen Texten, die die Lieder so spannend machen. Und es ist die lakonisch-wirkungsvolle und manchmal melancholische Begleitung des "Orchesters" - Andres Blüml (Gitarren) und Norbert Nagel (Keaboard und Bassklarinette), die das Abheben der Gedanken unterstützen. Tom Haydn überraschte mit einem Abend der eher leisen Töne, der das Publikum zum genauen Hinhören brachte: Er ist einer der wenigen Kammermusiker unter den Kabarettisten.

17.09.2012 - Thomas Ahnert - Saale Zeitung



Tom Haydn und Norbert Nagel "grundlos glĂĽcklich"

Liedermacher mit Tiefgang und Schmäh

Tom Haydn beherrscht nicht nur die lauten und leisen Töne der Gesangskunst, sondern auch sein Saiteninstrument. Zusammen mit dem erstklassigen Saxophonisten Norbert Nagel bildete er eine ungewöhnliche „Begleitband“ für seine Lieder, bei der man eine herkömmliche Rhythmusgruppe keineswegs vermisste.

ALTDORF – Leichtes Spiel hatte Liedermacher Tom Haydn beim Kulturkreiskonzert im historischen Hof der Universität, wo er zusammen mit dem Saxophonisten Norbert Nagel zu erleben war. Nicht weil er es sich leicht machte oder die eher leichte Muse dort repräsentierte, sondern weil er von Anfang an die Altdorfer auf seiner Seite hatte und nicht wirklich um ihre Gunst werben musste. Für den gebürtigen Niederösterreicher, seit über 20 Jahren in Franken zu Hause, ist das aber gar nicht neu. Seine offene Art, sein Talent, schnell den Kontakt zum Publikum herzustellen, sein Hang zum Kabarettistischen, sein Charisma und nicht zuletzt die Qualität seiner Lieder helfen natürlich enorm. „Wer bei diesem Konzert nicht dabei ist, der versäumt etwas“, stellte Bürgermeister Erich Odörfer zu Beginn der Veranstaltung fest. Das Doppelkonzert von Tom Haydn mit dem Saxofonisten Norbert Nagel und der bekannten Altdorfer Band „Dillberg“ – über deren Performance wir in einer unserer nächsten Ausgaben berichten werden – stand unter der Schirmherrschaft der Raiffeisenbank Altdorf–Feucht, für die der Bürgermeister Gerhard Bogner begrüßte. Es fällt schwer, Tom Haydn in eine der gängigen Musik-Schubladen zu stecken. Mit Sicherheit und gutem Recht würde er sich wehren, denn ein einfacher Singer-Songwriter ist er nicht, ein Chansonnier auch nicht, und ihn einfach als Pop-Sänger zu bezeichnen, wäre eine Beleidigung. Ein bisschen mehr Tiefgang hat der smarte Gitarrist und Sänger schon aufzuweisen und – nach vielen Jahren im Showgeschäft – auch beachtliche Qualitäten als Entertainer. Doch trotz allem österreichischen Schmäh, der ihm zwar sehr gut steht, weil er sich ja nicht um Authentizität bemühen muss, geben doch die Lieder und vor allem deren Texte den Weg vor für diesen Abend. Und da hat er ein großes Spektrum zu bieten. Seine deutschsprachigen Songs kann man anhören, ohne dass man in Kitsch und Plattitüden zu versinken droht. Natürlich spielen die großen Themen eine Rolle – Liebe, Frust, Depression, Älterwerden –, aber auch die kleinen Emotionen und Erfahrungen eines Menschenlebens werden textlich und musikalisch umgesetzt – Heimatliebe, Pubertät, Trauer um Vergangenes, die Leichtigkeit des Seins. Nicht zu vergessen neben all diesen Songs mit Tiefgang: sein bemerkenswerter Humor, mit dem er wahlweise sich selbst oder seine niederösterreichische ländliche Herkunft auf die Schippe nimmt, gelegentlich auch die fränkische Wahlheimat. Seine leichtfüßige Moderation mit kritischen Seitenhieben moderiert die Lieder an, und zum Glück bemüht er sich nicht, seinen charmanten österreichischen Akzent zu verbergen. Schließlich kokettiert er ja auch kräftig mit der Mentalität seiner Landsleute, etwa wenn er über seine „Leibspeise“, Rindfleisch mit Semmelkren, schwadroniert und singt, die es stets auf Begräbnissen gibt, weswegen er schon in jungen Jahren eine gewisse Vorliebe für Beerdigungen entwickelt hat. Ein wenig Sozialromantik und viel mehr noch Sozialkritik, die an die 60er und 70er erinnert und gut zu dem altersmäßig durchmischten Publikum passt, darf auch nicht fehlen. Da geht es unter anderem um die Hatz nach Glück und das enttäuschende Anlegen eines „Glücksportfolios“, das auch nicht garantieren kann, dass man die Sorgen ein für allemal los ist. Glück - und wie man es spürt -, ist ein wesentliches Thema und manifestiert sich in dem Titelsong seiner neuen CD „Grundlos glücklich“. Neben diesen Ausflügen ins Philosophische und allzu Menschliche berühren einen wohl seine Balladen am meisten. Da ist Tom Haydn, der seine verstärkte Akustische bestens beherrscht und als einzigen Begleiter den einfühlsamen und trotz Grippe gut aufgelegten Norbert Nagel am Keyboard und Baritonsaxophon braucht, am überzeugendsten. Seine Liebeslieder haben nachvollziehbare Texte, sind unprätentiös, gehen unter die Haut und verzichten doch auf die groß aufgebauten Gesten und überzogenen Gefühle. Liedermacher kommen nie aus der Mode – wenn sie denn so authentisch sind wie Tom Haydn.

12.07.2012 - Gisa Spandler



Mit Charme gnadenlos präzise

Hattingen. Mit seinem Chanson-Kabarettprogramm „Pikanterien“ begeisterte der österreichische Vollblutentertainer Tom Haydn im Alten Rathaus Jung und Alt.

Mit lässig-elegantem Charme und doch gnadenlos präzis ins Schwarze treffend präsentiert Tom Haydn zusammen mit Michael Flügel am Piano und Saxophonist und Klarinettist Norbert Nagel seine Alltagsszenen voll hintergründigen Humors: Das nervige Taubenfüttern und die wienerische „Gute alte Zeit“-Nostalgie, die wahren (Ab-)Gründe für Bräuche wie den Leichenschmaus und die Skurrilitäten älterer Semester, die Schattenseiten der Tierliebe und des modernen Karrieremythos im Zeitalter der Gleichberechtigung und natürlich das Dauerthema Liebe in seinen zahllosen Facetten – all das schwungvoll. So schwungvoll, dass man auch die bissig-satirischen, makabren Untertöne genießen kann. Die Vorliebe fürs Ministrantenamt resultiert aus der Vorliebe für Begleiterscheinungen wie den Leichenschmaus - Rindfleisch mit Semmelkren – „Dafür könnt’ ich sterben!“ Ebenso ungeniert aufrichtig, wie Tom Haydn die Oberflächlichkeit dieses Brauches und der dörflichen Doppelmoral karikiert, illustriert er auch zu traurig-dunklen Saxophonklängen in dem Chanson „Wenn die Männer alt sind“ die oft so lächerlich anmutende Alterssexualität. Und dabei liegt doch angeblich die Gnade des Älterwerdens darin, dass man aus Fehlern lernt – oder nicht? Wesentlich unkomplizierter ist das Leben, wenn man eine unverbindliche Affäre hat – natürlich nicht mit einer smarten Karrierefrau wie der Elke, deren „Traumjob“ sie so völlig absorbiert, dass sie einen Freiraum nur noch im Alkohol findet. Die Probleme, die das Zusammenleben mit Katzenliebhaberinnen und vegetarischen Öko-Aktivistinnen so mit sich bringen kann, treiben einen Vollblutkerl dann auch in die Arme einer Metzgerin. Mit dem eindringlichen Song „Wann, wenn ned jetzt“ entlässt er sein Publikum. „der Westen“, 15.1.12

15.01.2012 - der Westen



Melange aus Witz, Ironie und Melancholie

Ă–sterreicher Tom Haydn singt leise feine Chansons

Bad Salzuflen: Tom Haydn hat am Samstag in der Gelben Schule vor faszinierten Zuschauern die Vielfalt des Lebens ausgebreitet. Mit seinem Programm „Pikanterien“ traf er den Nerv der Zuschauer – aber ziemlich sanft. Der Chansonnier aus Österreich bot eine Melange aus Witz, Ironie und Melancholie. Er erzählte von guten und schlechten Eigenschaften, aber ohne erhobenen Zeigefinger. Er sang von Beerdigungen die er nur aufsucht, um Rindfleisch mit Meerrettichsoße zu essen. Die Tränen kommen von selbst, wenn man nur tüchtig an der Soße riecht. Er sang von der Liebe und vom Leben. Bei seinen kabarettistischen Liedern und leisen Weisheiten waren Pauken und Trompeten nicht nötig. Jedoch Klavier (Michael Flügel), Saxofon und Klarinette (Norbert Nagel). Die beiden Musiker begleiten Tom Haydn aufs Beste. Fein vorgetragen, genau beobachtet und klug interpretiert, so zeigte Tom Haydn das Leben aus seiner Sicht. Etwa bei der Liebesballade in der er seiner Liebsten Freiheiten lässt, um dann zu bitten: “Aber geh' mir nicht verloren“. Ein charmanter Poet, der manchmal zwickt aber meistens leise ist. (mk)

21.11.2011 - (mk) - Lippische Landes-Zeitung



ALTDORF – Der Lions-Club Altdorf lud ein.

"Der Lions-Club Altdorf lud ein, und der Betsaal des Altdorfer Wichernhauses füllte sich bis zum letzten Platz, zur Herbstbenefizveranstaltung mit dem Chanson-Kabarettisten Tom Haydn. Doch bevor der Meister des Couplets, begleitet von Norbert Nagel (Keyboard und Saxophon) und Andreas Blüml (Gitarre), die Bühne betrat, hatte Lions-Präsident Dr. Ulrich Bethcke noch eine freudige Aufgabe zu erfüllen: die Scheckübergabe an Bereichsleiter Thomas Bärthlein vom Wilhelm-Löhe-Haus sowie an Andreas Kasperowitsch, Schulleiter der Schule mit dem Förderschwerpunkt körperliche und motorische Entwicklung im Wichernhaus Altdorf. Wozu braucht es Künstler, Neurotiker gibt’s doch schon genug, und die Welt wäre besser ohne die Verwirrung, die sie anstiften. Sie künsteln ihr Leben lang herum – vielleicht sind sie zu anderem zu dumm, nimmt Tom Haydn in kariertem Anzug und mit unverwechselbarem Akzent gleich im ersten Lied seines Programms sich und seine Kollegen auf die Schippe. Unverwechselbar, dieser Mann stammt aus Österreich. Charmant, diese Sprache, viel weicher und geschmeidiger als Deutsch. Seit 1991 hat der aus dem österreichischen St. Pölten stammende Liedermacher und Kabarettist seine Heimat in Nürnberg gefunden. Bekannt machten ihn seine inzwischen sechs Chansonprogramme sowie Auftritte im ganzen deutschsprachigen Raum, unter anderem beim Nürnberger Bardentreffen. Anerkennungen erhielt er in dieser Zeit einige, so unter anderem den Publikumspreis des Stuttgarter Chanson & Liedwettbewerb und den Förderpreis für junge Songpoeten der Hanns-Seidel-Stiftung. Seit Oktober 2006 präsentiert er seine eigene Nachtschwärmer-Show im Stadttheater Fürth: HAYDNs kleine Nachtmusik. Es erübrigt sich seine „Mitstreiter“ Nagel und Blüml vorzustellen – im Raum Altdorf sind die beiden Klasse-Musiker bestens bekannt, sei es durch Auftritte mit Wolfgang Haffner oder mit Konstantin Wecker. Gekonnt setzt Haydn seinen Dialekt in seinen Texten und Liedern ein, die teilweise an GeorgKreisler, Andre Heller, Reinhard Fendrich („Es herbstlt“) erinnern. Der Rap über Obama „No wos kanna da Obma“ („…, des was kaana“) ruft sogar Erinnerungen an Falco wach. Mitten hinein ins pralle Leben zielt diese witzig-ironische Mischung aus Chanson und Satire, mit aktuellen Themen wie Nachhaltigkeit – bei Haydn die Verschwendung von Kabarettprogrammen – und dem Nachspüren von Befindlichkeiten und Mann-Frau-Beziehungen: Während sie mit ihrem Weihnachtswunsch, einer Kettensäge, im Wald Bäume umschneidet, geht er „shoppen“. Ganz auf die Spitze treibt er die Klischees, lässt „ihn“ was Hübsches für drunter finden und später Migräne vortäuschen. Die neue Art der Brutalität, Versicherungen für alles, die immer mehr verflachenden Gefühle („alles is so gleich worn, so fad, sogar der Spaß is nimmer lustig und das Kabarett tut nimmer weh“) und der Tango über die erfolgreiche Geschäftsfrau Elke mit Alkoholproblemen sind weitere Glanzpunkte. Gänzlich schmilzt der Schmäh bei den Dingen, die Haydn wirklich wichtig sind. Da merkt man, dass diese Dinge ihm sehr am Herzen liegen, ihn persönlich betreffen. Das Älter-Werden mit dem nachdenklichen Lied „Zwischen den Zeiten“ mit einem wunderbaren Saxophonsolo, wenn die Liebe vergeht, Ent- und Selbsttäuschungen. Da wird der Ton ernster, die Lieder zu wehmütigen, sanften Balladen. Doch der, wie er selbst von sich sagt, zuversichtliche Pessimist weiß Rat: Den Moment leben, das Leben leicht nehmen und sich am Morgen entscheiden, welchen Koffer man heute tragen will – den weißen für eine positive Einstellung oder den schwarzen. Begeisterter Applaus für einen unvergesslichen Abend."

09.10.2011 - Krä/209 - Der Bote



"Ein Wiener Seitensprung der morbiden Art"

"In dieser Haltung könnte er auch zu nachtschlafender Zeit an einem Laternenmast lehnen: Die Hände tief vergraben in den Anzugtaschen, der Blick zerknirscht, gedankenschwer über den Missklang des Lebens lamentierend – während ihn ein schmaler Lichtkegel von oben aus der Dunkelheit reißt. Aber Tom Haydn steht nicht an irgendeiner Straßenecke, sondern mitten auf der Bühne der Meininger Kammerspiele. Er leidet auch nur ein bisschen, mehr von außen als wirklich von innen. Das hat wiederum etwas mit dem Fremdenverkehr zu tun, um genauer zu sein mit dem Klischee der Wiener. Als einer der 1,7 Millionen Statisten in Österreichs monarchistisch gesinnten Touristenmagneten ist dem Wiener an sich nämlich eine klar definierte Rolle zugewiesen „Er ist gelinde gesagt ein morbider Fatalist“. Mit zurückgegeltem Haar, breitem Wienerisch und viel Schmäh geht der Wahlfranke aus St. Pölten an diesem Kleinkunst-Abend allemal als Wiener Muster durch. Der Südthüringer Blick ist da recht großzügig. Und empfänglich für die Pikanterien des „G'schichteldrückers“. Dabei darf es schon einmal ein wenig anstößig zugehen, wie bei der „Ballade von der Metzgerin“, die so hocherotisch „nach totem Schlachtvieh riecht“. Obszön wird es jedoch nie, da beweist der Chansonnier Stilsicherheit. Und er beweist einen fein-humoresken Sinn für das scheinbar Nebensächliche. Für den Meerrettich im Leichenschmaus, der den falschen Trauernden die Tränen in die Augen treibt, für ärmellose Polyacrylschürzen mit großen Blumenmustern, wie sie enttäuschte Dorffrauen tragen, für die sportlichen Herausforderungen der Katzentoiletten-Reinigung, für das Kalkül beim organisierten Seitensprung. Tom Haydn – das ist musikalisches Kabarett von der delikaten leichten, der unpolitischen Sorte. Ohne Schenkelklopfen. Glücklicherweise."

12.09.2011 - Meininger Tageblatt "Ein Wiener Seitensprung der morbiden Art"



Bitterböse Wahrheiten

charmant serviert In der Tradition von Kreisler, Heller und Danzer: Tom Haydn er öffnet mit österreichischen „Pikanterien“ Kabarettissimo – Programm im Mußbacher Herrenhof

Wer sich in das Genre des österreichischen Chanson-Kabaretts begibt,wird bewusst oder unbewusst an großen Namen wie Georg Kreisler, André Heller, Georg Danzer, Ludwig Hirsch und Wolfgang Ambros gemessen. Tom Haydn, der am Samstag mit seinem Programm „Pikanterien“ im Mußbacher Herrenhof das Kabarettissimo-Programm des zweiten Halbjahres eröffnete, kann neben diesen Größen der so ganz eigenen Kabarett-Gattung des Alpenlandes bestens bestehen. Und er scheint keine Scheu vor großen Namen zu haben. So war eine der erste Nummern das wunderbare „Geh’n wir Tauben vergiften im Park“ des unvergessenen Georg Kreisler. Auch wenn der 42-Jährige schon seit rund 18 Jahren in Franken lebt, so ist er doch zumindest auf der Bühne ein Österreicher geblieben. Und so ist sein Auftritt geprägt von dieser speziellen österreichischen Melange aus Schwermut, Hang zum Morbiden, Ironie und bitterbösem Zynismus, gepaart mit unwiderstehlichen charme. Mit dieser Mischung befasst sich Haydn beispielsweise mit dem Älterwerden: im Klagelied eines Vierzigers, der langsam das ein oder andere Wehwehchen bekommt oder in dem wunderbar bitterbösen Lied „Wenn die Männer alt sind“. Haydn hatte dem weiblichen Teil des Publikums empfohlen, bei diesem Lied wegzuhören, doch das hätte er besser seinen Geschlechtsgenossen geraten, denn die bekamen unverblümt den Spiegel vorgehalten. Böse war aber deshalb keiner, denn im weichen österreichischen Dialekt, gepaart mit einer kräftigen Portion Charme, wirken auch bittere Wahrheiten und härtester Zynismus nicht wirklich böse. Das gilt auch, wenn sich Haydn zynisch und kritisch mit wirtschaftlichen Entwicklungen beschäftigt. Etwa wenn er sich überlegt, dass es doch betriebswirtschaftlich nicht besonders sinnvoll sei, dass in langen Jahren „dressierte Sklaven“ entlassen werden, nur weil sie mal aus Versehen 1,90 Euro Pfandgeld nicht abgerechnet haben. Zwar stammt Haydn aus Niederösterreich, doch die besonders für Wiener so typische Melancholie ist ihm nicht fremd. Er hat der Depression sogar ein eigenes Lied gewidmet. Nachdenklich-melancholische Lieder, meist gepaart mit einer Portion Ironie, gehören ebenso zu den „PikanterienPikanterien“ wie eine wunderbar ironisch-amüsante Schilderung des Lebens in einem kleinen Dorf in Niederösterreich. Dabei erfährt man beispielsweise, warum Frauen in Kittelschürzen aus Perlon oft auch Gummistiefel tragen. Ebenso herrlich ist das Lied über „Rindfleisch mit Semmelkren“: Seine Schilderung, wie er jahrelang erst als Messdiener und dann als Gast, der sich bei Beerdigungen unter die Trauernden mischt, kostenlos zu seinem Leibgericht kam, ist einfach nur köstlich. Haydn setzt die Klischees über Niederösterreicher und Wiener geschickt ein, doch immer verbunden mit einer leichten Distanz. Auch der unwiderstehliche Charme ist eines dieser Klischees, die er gekonnt nutzt, etwa wenn er im Lied „Affäre“ Damen im Publikum mit den Worten „Lass‘ uns ganz einfach eine Affäre haben“ anschmachtet. Auch mit der Ehe befasst sich Tom Haydn, und da muss er, der den ganzen Abend andere gekonnt zum Lachen bringt, dann selbst lachen: als Haydn die Ehe als etwas beschreibt, das man „am Anfang nicht so überblickt“ und ein Zuschauer laut und vernehmlich ruft: „Genau!“ Manchmal ist Haydn auch durchaus makaber, etwa wenn er die Träume eines bekennenden Fleischessers schildert, der mit einer militanten Ökoaktivistin liiert ist. Doch den Grat zum Geschmacklosen überschreitet er nie, sondern er bleibt immer amüsant. Auch da hilft der berühmte österreichische Schmäh. Dank dessen ist sogar eine ganz eigene Interpretation des durch die Berlinerin Hildegard Knef bekannt gewordenen Chansons „Für mich soll’s rote Rosen regnen“, äußerst gelungen. Tom Haydn singt, erzählt, plaudert und spielt gelegentlich Gitarre. Ansonsten überlässt er die Musik seinem „wunderbaren Orchester“, das aus Norbert Nagel, der Saxophon und Klarinette spielt, und dem Pianisten Michael Flügel besteht. Und die machten ihrem Beinamen wirklich alle Ehre.

31.08.2009 - ANNEGRET RIES - DIE RHEINPFALZ — NR. 201



Protest gegen die Diktatur des Verstands

Tom Haydn bewies beim Festival der Hoffnung, dass die Zeit des guten alten Chansons noch lange nicht vorbei ist. Der Kopf ist wichtiger als das Herz: Je länger sich die Erdkugel dreht, umso intensiver scheint dies den Menschen eingetrichtert zu werden. Am Samstag wurde indes im Unterensinger Udeon offenbar, dass das Gegenteil stimmt: Man sieht nicht nur mit dem Herzen gut, sondern man hört, man schreibt und man singt auch nur mit dem Herzen gut. Tom Haydn und seine Band bewiesen das im Rahmen des Festivals der Hoffnung derart eindrucksvoll, dass wohl kaum einer im Publikum noch einen Zweifel daran hegen dürfte. Diese Begegnung mit den echten, aber oft verdrängten Realitäten hatte die Unterensinger Firma Zinco möglich gemacht, dank deren Unterstützung einer der besten Chansonniers in deutschsprachigen Landen auch die Herzen des Publikums zwischen Alb und Fildern erobern konnte. Die im Udeon dabei waren, werden den weiteren Weg dieses Künstlers sicher mit viel Aufmerksamkeit und Sympathie verfolgen: Tom Haydn zählt ganz gewiss zu der mittlerweile durchaus respektablen Zahl von Künstlern, bei denen nach ihrem Gastspiel bei Licht der Hoffnung völlig klar ist, dass das Ende der Karriereleiter für sie noch nicht gekommen ist, sondern durchaus noch einige Stufen auf sie warten. Tom Haydn brachte das Kunst-Stück fertig, die Lieder seines berühmten Landsmanns André Heller zu interpretieren, ohne sie zu kopieren, nahe am Original zu bleiben und dennoch eigene musikalische Wege zu gehen, den Kern der Texte und Melodien freizulegen und dennoch eigene Akzente zu setzen.

Diese Wanderung auf überaus schmalem Grat meisterte der Exil-Österreicher (er hat 1991 vom Mostviertel nach Fürth ins Frankenland rübergemacht) derart brillant, dass selbst eingefleischte Hellerianer, die die Chansons vom Samstag noch vom König der Phantasie höchstselbst gesungen gehört, intus und kaum eine Zeile dieser hochliterarischen Texte vergessen haben, sich absolut nicht einig waren. Genau wie der Heller, sagten die einen. Ganz anders, meinten die anderen.Und wenn man ehrlich ist, kann man nicht einmal sagen, wer denn nun recht hat. Gerade dies drückt aber das Niveau des Konzerts vom Samstag aus. Was anderes könnte symbolisieren, dass Tom Haydn nah genug am Original, aber zugleich auch weit genug entfernt war und ist. Vielleicht ist gerade das das Schwierigste und zugleich Entscheidende an solch einem Programm. Denn dann wird diese unentschiedene Frage völlig unwichtig, dann nämlich kann sich der Blick weg vom Übervater dieser Lieder hin zum Interpreten weiten, dann spürt man Tom Haydns Herzblut fließen, statt ihn als Abklatsch, ja bestenfalls als Reinkarnation des großen Meisters auf der Bühne agieren zu sehen. Haydn singt Heller. Aber Haydn ist nicht Heller. Gott sei Dank. Ihm zur Seite standen auch hochkarätige Musiker, die weit mehr waren als pure Ton-Zulieferer: Jean-Paul Höchstädter verlieh allen Melodien (seien sie nun melancholisch oder furios) stets den optimalen Drive, Richard Kleinmaier (Künstlername Ricardo Pavone) riss mit seiner Gitarre das Publikum immer wieder mit und war bei Wean, du bist a Taschenfeitel eine regelrecht geniale Helmut-Qualtinger-Nachahmung, Joe Barnikel erwies sich als hochkarätiger Pianist, der im Swing und im Jazz ebenso zu Hause ist wie in der Klassik (bei den Variationen zum Radetzky-Marsch etwa), Jessica Hartlieb erspielte sich mit der Geige ihre ganz eigene Verehrer-Schar, die nur auf ihr nächstes Solo (wie beim Csardas von Monti) wartete, und Norbert Nagel entpuppte sich mit seinem Saxophon und seiner Klarinette als guter Geist im Hintergrund, der nie dominiert, aber ohne den im Grunde die ganze Show nicht läuft. Mitten ins Herz trafen nicht zuletzt seine Klezmer-Variationen, jede für sich nicht nur ein Gustostückerl, sondern ein wahres Meisterstück.

Aber nun sei es genug mit den Details. Ein jeder hatte ohnehin sein ganz persönliches Lieblingsstück an diesem Abend, je nachdem, ob die Stelle nun im Moment himmelhoch jauchzte oder zu Tode betrübt war. Alle Emotionen wurden angesprochen. Haydn singt Heller ist daher kein Solo-Programm, sondern ein Gesamtkunstwerk aller auf der Bühne, im Grunde ein einziger Protest gegen die Diktatur des Verstands. Am Samstag spürte man im Udeon, worauf es wirklich ankommt im Leben. Ganz gleich, ob es einem gerade geschenkt ist oder man es im Moment entbehren muss. Der Kopf mag zwar wichtig sein. Aber das Herz entscheidet darüber, was und wie das Leben ist.

26.11.2007 - JĂĽrgen Gerrmann - NĂĽrtinger Zeitung



Stuttgart liebt Haydn

Chansonnier holte Publikumspreis bei Wettbewerb

Ein kleiner Schritt für die Menschheit, ein großer für Tom Haydn: Der Chansonnier mit starker Anhänglichkeit ans Stadttheater belegte beim Stuttgarter Chanson- und Liedwettbewerb vor 500 Zuhörern im Saal des Meridien-Hotels am Samstagabend den zweiten Platz.

Der aus St. Pölten in Österreich stammende und seit 1991 in Nürnberg lebende Entertainer musste sich lediglich dem Berliner Kollegen kw. Timm geschlagen geben, "wenn auch nur denkbar knapp", so die Jury-Vorsitzende - und die heißt Katja Ebstein. Immerhin erhielt Haydn aber den Publikumspreis.

Bei dem zum dritten Mal ausgetragenen Wettbewerb hatten sich 100 Musiker, die den ganz großen Karrieresprung noch vor sich haben, Hoffnungen gemacht. Ins Halbfinale kamen 16, fünf konkurrierten am Samstag in je 15 Minuten kurzen Auftritten um die Siegertrophäe des bronzenen Troubadour. Liedermacher Stephan Sulke ("Uschi, mach' kein Quatsch") hatte den Wettbewerb 2005 ins Leben gerufen.

Haydn zur Seite gingen in Stuttgart Saxofonist und Klarinettist Norbert Nagel und der Fürther Jazzpianist und Kulturförderpreisträger Michael Flügel. Übermorgen hat ihn die künstlerische Heimat wieder: Mit seinem Programm "Haydns kleine Nachtmusik" eröffnet der Chansonnier am Wochenende den Reigen der "Nachtschwärmer"-Saison im Stadttheater. Während der Abend am Freitag bereits restlos ausverkauft ist, gibt es für den Samstag noch Restkarten (15 Euro, Tel. 9 74 24 00), Beginn ist um 22 Uhr.

Gemeinsam mit Nagel und Andreas Blüml (Klavier) begibt er sich in den musikalischen und literarischen Salon. Als Gast begrüßt Tom Haydn Sängerin, Schauspielerin und Choreografin Jutta Czurda, die derzeit ihr Tanzprojekt "Mayim Mayim" mit Beteiligung internationaler Choreografen vorbereitet; die Uraufführung der Produktion ist am 29. November im Stadttheater.

24.10.2007 - Matthias Boll (c) - FĂśRTHER NACHRICHTEN



Wiener Schmäh wurde pikant serviert

Tom Haydn und Jo Barnikel gaben Gastspiel im Pommersfeldener Kellerhaus

POMMERSFELDEN - Das Geheimnis eines großen Künstlers ist, dass er sich immer wieder neu erfindet. Wie der österreichische Chansonnier Tom Haydn, der mit seinem Klavierpartner Jo Barnikel im Kellerhaus zu Pommersfelden das Programm «Pikanterien» kredenzte: eine ausgewogene Mischung aus Kabarett und Lied, sarkastischem Schmäh und stiller Nachdenklichkeit.

Haydn ist mit seinen «Pikanterien» schon eine Weile unterwegs. Und doch gleicht kein Konzert dem anderen, hat sich bisher nicht jene gefährliche Routine eingeschlichen, der die Langeweile auf dem Fuß folgt. Tom Haydns Auftritte leben von der starken Bühnenpräsenz des Sängers ebenso, wie vom subtilen Umgang mit eigenem und fremden Songmaterial.

Seinem fränkischen Publikum erklärt er die todessehnsüchtige Wiener Seele ebenso, wie er möglicherweise unverständliche Ausdrücke mit einem lockeren Grinsen übersetzt. Dass er dabei augenzwinkernd das Klischee bedient, mit Lust ein paar jener Vorurteile nährt, die hier zu Lande gegenüber seinen Landsleuten gehegt und gepflegt werden, gehört zum Konzept.

Was auch für Jo Barnikels dichte, klassisch kammermusikalische Arrangements gilt. Hier zahnen Klavier, Gitarre und Stimme nahtlos ineinander. Der Pianist legt für den Sänger nicht nur einen tragfähigen Melodie- und Rhythmusteppich aus, sondern ist auch für den Harmonie- und Backgroundgesang zuständig. Nicht immer aus primär musikalischen Gründen, denn manches dient auch der bewussten Ironisierung, der satirischen Zuspitzung, der geschickten Einleitung einer effektvollen Pointe.

Lakonisch, fast im Vorübergehen holt Haydn Chanson-Ikonen wie Kreislers «Tauben vergiften im Park» ins Hier und Heute, ohne sie gegen den Strich zu bürsten. Selbstgeschriebenes wie die Hymne auf das «Rindfleisch mit Semmelkren», für das der Protagonist sich regelmäßig in Beerdigungsfeiern einschleicht, hat denselben morbiden Charme, wie die historischen Vorlagen.

Absurde Bilder

Manchmal, wie in der «Ballade von der Metzgerin», werden die Bilder absurd, steigern sich Haydns ansonsten eher sanft überzeichnete Impressionen des Lebens zur überdrehten Groteske. Aber selbst die hat Stil und Eleganz, denn Haydn und Barnikel wahren stets einen bequemen Sicherheitsabstand zu den Gefilden des platten Schenkelklopf-Humors.

Die «Pikanterien» machen lachen, weil das Spiegelbild in Haydns Zerrspiegel klar genug bleibt, um als das eigene (oder eines, das dem eigenen sehr ähnlich ist) erkannt zu werden. Zudem bleibt genug «Luft» für Momente der Ernsthaftigkeit, für bittersüß traurige André-Heller-Adaptionen und kluge Reflexionen über das Leben, die Liebe, das Alter und - als wiederkehrendes Motiv - den Tod. Für den Wiener Tom Haydn ein altbekannter Gevatter, der seine Schrecken längst verloren hat. Und den er mit einem Lächeln auf den Lippen höflich grüßt - auf dass er jemand anderen holen möge . . .

16.01.2007 - HANS VON DRAMINSKI (Text und Foto) - Nordbayerische Nachrichten



Rettungsring fürs Wienerlied…

Und zwei unterhaltsame Stunden vergehen im Nu, weil Haydn Heller erst gar nicht zu kopieren versucht, sondern dessen Liedern mit seiner Allstar-Band eher eine neue rhythmische Ausrichtung gibt…Im weißen Anzug mit dem breiten Kragen ist dieser Haydn ein echter Striezel, die Wiener Melange aus Diskoprinz, Diplomat und Schiffschaukelbremser…Und wenn Haydn am Ende die alte Dylan-Hymne "Für immer jung" anstimmt, singen alle mit.

25.08.2005 - Klaus Ackermann - Offenbach Post



Morbide Schwermut, nostalgischer Weltschmerz und tiefsinniger Nonsens, so sagt es das Programm, werden mit grandioser Musik transportiert. Und Haydn bringt's rüber, ohne auf dem Schmalz auszugleiten. So sind sie die Wiener, egal, wo sie jetzt leben. Sie halten die Balance und vergessen dabei auch nicht, sich selber ein bisserl auf den Arm zu nehmen. ebe - Morbide Schwermut, nostalgischer Weltschmerz und tiefsinniger Nonsens, so sagt es das Programm, werden mit grandioser Musik transportiert. Und Haydn bringt's rüber, ohne auf dem Schmalz auszugleiten. So sind sie die Wiener, egal, wo sie jetzt leben. Sie halten die Balance und vergessen dabei auch nicht, sich selber ein bisserl auf den Arm zu nehmen. 

30.07.2005 - ebe - Aalener Nachrichten



André Hellers Chansons aus den Siebzigerjahren haben nichts an ihrer poetischen Kraft, ihrem hintergründigen Charme und ihrer musikalischen Potenz eingebüßt. In Tom Haydn haben sie einen Interpreten gefunden, der als nach Nürnberg ausgewanderter Wiener den Geist dieser Lieder intus hat bis in die sich breitenden Fingerspitzen hinein. Der um den Weltschmerz weiß und dem der berühmte Schmäh so leicht und locker über die Lippen geht wie das zärtlichste Liebeslied.

29.07.2005 - Wolfgang Nussbaumer - Schwäbische Post



Pralle Liederlust statt Liebesleid

Tom Haydn sang Heller in FĂĽrth

Ach Gott, André Heller. Was hat Österreichs Großspektakelpoet eigentlich noch nicht gemacht? Ältere Fans erinnern sich: Ja, gesungen hat er auch, meist über Liebesleid und eine widerwärtige Lieblingsstadt namens Wien. Na, ist schon ein paar Jährchen her.

Tom Haydn, Landsmann mit Wohnsitz Nürnberg, musste früher oder später durch den verwilderten Vorgarten der frühen Heller-Lyrik spazieren; das war absehbar. Nicht absehbar aber war, dass Haydn die mitunter drei Jahrzehnte alte Brache in ein prall blühendes Biotop verwandelt. Nicht erst am Ende, nach knapp zwei Dutzend Liebesliedern, tobt das fast ausverkaufte Fürther Stadttheater vor Begeisterung.

Klassiker wie "Es war nur Liebelei" oder "Morgenregen" sind hier nicht mehr wiederzuerkennen - spritzig, perlend, nassforsch entstaubt kommen sie daher....

Hinzu kommt eine Band, die Begleitband zu nennen ein sträfliches Missverständnis wäre. Jo Barnikel (Klavier), Norbert Nagel (Saxofon, Klarinette und Flöte), Gitarrist Richard Kleinmaier, Drummer Thomas Simmerl und die entfesselt virtuose Geigerin Jessica Hartlieb tragen Haydn auf Händen über die Ziellinie.

Barnikel und Nagel haben ein dichtes, transparentes, temperamentvolles Klanggefüge geschaffen, das dringend auf CD gebannt gehört. Kein Siebziger-Jahre-Schmock, nirgends; stattdessen Anleihen bei Rhythm'n'Bass, HipHop-Zitate, Jazz-Offenbarungen. Mit dieser Crew, die auch an Wienerlied-Persiflagen wie "Wean du bist a Toschnfeitl" einen Riesenspaß hat, kann Haydn nur gewinnen. Hut ab.

01.01.2005 - MATTHIAS BOLL - NĂĽrnberger Nachrichten